Wenn Ostern alle einschließt
Die Türen der Genezarethkirche am Herrfurthplatz in Berlin-Neukölln standen am Ostermontag weit offen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Während viele Familien in der Stadt das Osterfest im Kreise ihrer Lieben feierten, fanden rund 120 obdach- und wohnungslose Menschen in der altehrwürdigen Backsteinkirche an diesem Morgen etwas, das im Alltag auf der Straße oft fehlt: Wärme, ein festliches Mahl, Gemeinschaft und das Gefühl, willkommen zu sein.
Der Osterbrunch 2026 in der Genezarethkirche, eine Initiative von "Armut eine Stimme geben", war mehr als nur eine Mahlzeit. Er war ein klares Zeichen: Ostern gehört allen Menschen – unabhängig davon, ob jemand ein Dach über dem Kopf hat oder nicht.
Ein festlicher Empfang
Schon am Vormittag des Ostermontags herrschte in der Genezarethkirche geschäftiges Treiben. Rund 40 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer hatten sich bereits Stunden vor Beginn auf den Weg gemacht, um alles vorzubereiten: Tische wurden gedeckt, Blumen arrangiert, Speisen gekocht, Kaffee aufgebrüht. Wer die Kirche betrat, wurde nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit einem Lächeln und einem herzlichen Willkommensgruß empfangen.
Das Menü war festlich und reichhaltig: Eine Hühnerkeule mit Kartoffelbrei und Gemüse bildete den Mittelpunkt des Mittagstisches, ergänzt durch eine Quarkspeise als Dessert sowie Kaffee und Kuchen. Für jeden Gast gab es zudem eine kleine Ostertüte mit Süßigkeiten – ein Detail, das vielleicht klein klingt, aber für viele der Anwesenden eine große Geste bedeutete. Denn es war nicht nur Nahrung, die gereicht wurde, sondern Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
Prominente Unterstützung und Grußworte
Die Bedeutung dieser Veranstaltung spiegelte sich auch in den Grußworten wider, die zu Beginn des Osterbrunch gesprochen wurden. Dr. Julia Helmke, Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, betonte die Wichtigkeit dieser gelebten Nächstenliebe und würdigte das Engagement der Gemeinde und ihrer Helferinnen und Helfer.
Auch Dr. Christian Nottmeier, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Neukölln, sprach ein Grußwort und hob hervor, wie der Osterbrunch konkrete diakonische Arbeit vor Ort bedeutet – Unterstützung, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen erreicht und ihnen Würde zurückgibt. Er dankte den Sponsoren und explizit auch der Concordia-Loge, die an diesem Tag mit insgesamt mit sieben Brüdern vertreten war, für die Unterstützung.
Martin Hikel, Bezirksbürgermeister von Neukölln, würdigte in seinen Worten das Engagement der Genezarethkirche als wichtigen Bestandteil der Nachbarschaftsgemeinschaft in Neukölln. Er betonte, dass solche Veranstaltungen zeigen, wie Zusammenhalt in der Praxis aussieht und wie Kirche und Bezirk gemeinsam Verantwortung für alle Menschen in ihrem Kiez tragen. Martin Hikel gab zu bedenken, dass der Bezirk Neukölln immer nur mit negativen Schlagzeilen erwähnt wird. Die negativen Meldungen über Neukölln seien jedoch nicht das, was den Bezirk ausmacht und seien Ausnahmen. Er sagte: „Ausnahmen bestätigen die Regel und die die Regel ist, dass sich Neukölln durch nachbarschaftliche Gemeinsamkeit auszeichnet.“
Die Anwesenheit dieser Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche und Politik war mehr als ein formales Ritual – sie war eine klare Botschaft: Der Osterbrunch ist nicht nur ein lokales Ereignis, sondern ein wichtiger Ausdruck von Solidarität, der Aufmerksamkeit und Unterstützung auf allen Ebenen verdient.
Menschen im Mittelpunkt
Unter den rund 120 Gästen waren Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten. Manche leben seit Jahren auf der Straße, andere haben erst kürzlich ihre Wohnung verloren. Einige kennen den Osterbrunch bereits aus vergangenen Jahren und kommen jedes Jahr wieder, weil sie wissen: Hier sind sie keine Fremden. Andere betraten die Genezarethkirche zum ersten Mal – zögernd vielleicht, aber neugierig.
Was sie alle verband, war der Wunsch nach einem Moment des Innehaltens, nach einem Fest, das sie nicht ausschließt. Ostern ist in unserer Gesellschaft tief verankert als Zeit der Familie, des Neubeginns, der Hoffnung. Doch für Menschen ohne festen Wohnsitz kann genau diese Zeit besonders schmerzhaft sein – wenn die Welt um einen herum feiert und man selbst nicht dazugehört. Der Osterbrunch in der Genezarethkirche setzt dem etwas entgegen: Er schafft einen Raum, in dem Zugehörigkeit keine Frage der Adresse ist.
40 Ehrenamtliche – das Herzstück der Veranstaltung
Ohne die rund 40 Freiwilligen, die diesen Tag möglich gemacht haben, wäre der Osterbrunch undenkbar. Sie kommen aus unterschiedlichsten Berufen und Lebenssituationen: Rentnerinnen, Studierende, Berufstätige, Gemeindemitglieder und Menschen, die selbst einmal Hilfe erfahren haben und nun etwas zurückgeben möchten.
Ihr Einsatz begann nicht erst am Ostermontag selbst. Bereits in den Tagen zuvor wurden Lebensmittel organisiert, Spenden gesammelt und koordiniert, Abläufe geplant. Am großen Tag selbst übernahmen die Ehrenamtlichen das Kochen, Servieren, Spülen, die Betreuung der Gäste und einfach das Da-Sein – für ein Gespräch, ein offenes Ohr oder ein gemeinsames Lachen. Gerade diese menschliche Nähe, diese Begegnung auf Augenhöhe, macht den Unterschied zwischen einer Essensausgabe und einem echten Fest.
„Es geht nicht darum, Almosen zu verteilen", bringt es der Obermeister der Concordia-Loge, Br. Sascha Hohner, auf den Punkt. „Es geht darum, gemeinsam Ostern zu feiern. Wir sind Gäste und Gastgeber gleichzeitig."
Ostern als Botschaft der Hoffnung
Das Osterfest selbst liefert die theologische Grundlage für diesen Einsatz. Auferstehung, Neubeginn, Hoffnung – diese zentralen Botschaften des christlichen Glaubens sind keine abstrakten Konzepte, sondern werden beim Osterbrunch konkret erfahrbar. Wer nach einer Nacht auf einer Parkbank oder in einer Notunterkunft an einem gedeckten Tisch sitzt, ein warmes Essen bekommt und von einem freundlichen Menschen bedient wird, erlebt etwas von dem, wovon Ostern erzählt: dass das Leben mehr bereithält als das, was gerade ist.
Gemeinschaft, die trägt
Neben dem Essen und der Bewirtung bot der Osterbrunch auch Raum für Begegnung und Austausch. Musik durch die Band „Bring that Thing“ und der Sängerin und Entertainerin Cara Ciutan sorgte für eine festliche Atmosphäre, Gespräche entstanden zwanglos, und der ein oder andere knüpfte neue Kontakte – zu Helfenden oder auch zu anderen Gästen. Denn der Osterbrunch versteht sich nicht als einmaliges Ereignis, sondern als Teil eines größeren Netzwerks: Er ist Anlaufpunkt, Brücke und manchmal auch Türöffner zu weitergehender Unterstützung.
Für viele der Anwesenden ist der Ostermontag in der Genezarethkirche ein Fixpunkt im Jahr geworden – ein Tag, auf den man sich freut, ein Tag, der zählt.
Ein herzlicher Dank
Ein solches Fest gelingt nur durch das Zusammenwirken vieler. Ein herzliches Dankeschön gilt allen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die ihren Ostermontag in den Dienst anderer gestellt haben und ganz besonders dem Hauptorganisator Thomas De Vachroi, der nicht nur Landesarmutsbeauftragter der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, sondern auch Mitglied der Concordia-Loge ist. Dank gilt ebenso allen Spenderinnen und Spendern, die mit Lebensmitteln, Geld oder ihrer Zeit zum Gelingen beigetragen haben – sowie allen Partnerinnen und Partnern, die die Organisation dieser Veranstaltung Jahr für Jahr unterstützen.
Und natürlich gilt ein besonderer Dank den 120 Gästen, die mit ihrer Anwesenheit diesen Tag zu dem gemacht haben, was er war: ein echtes Osterfest.
Der Osterbrunch in der Genezarethkirche ist ein Zeichen dafür, dass Solidarität keine Sonntagsrede sein muss – sondern gelebte Wirklichkeit werden kann. Wir freuen uns, auch im nächsten Jahr wieder für alle da zu sein








